Zurück im Jammertal.

21.03.2019 — 01:24

Nach 2 Monaten in Laos und nunmehr 2 Monaten zurück in Deutschland fehlen mir die Worte. Ich dachte, viel zu erzählen zu haben, nach den eindrücklichen und beglückenden Erlebnissen mit den jungen Menschen, die ich dort unterrichten durfte. Stattdessen verstummte ich im Angesicht der Unzufriedenheit, die mir in U-Bahn-Gesichtern, Kneipengegrummel und Kassenband-Motzerei entgegenschlug. Üppige Alimentierung scheint jedenfalls nicht zu persönlichem Glück zu führen – denn eines sind wir hier in diesem wohlstandsverwahrlosten Land auf jeden Fall: bestens versorgt.

Offensichtlich hat das aber keinerlei Wirkung auf den subjektiven Zustand seiner Bewohner. Man möchte im Angesicht all dieser Verdrossenheit, erfundener Probleme und irrelevanten Irritationen fast zu so alten rethorischen Mütter-Mitteln wie „Weisst Du eigentlich, wie es den kleinen Kindern in Afrika geht? Nein? Also ess‘ auf, denn die müssen hungern!“ greifen. Hilft aber nix, denn diejenigen, die man mit derlei Gedankengut konfrontieren möchte haben gerade eben mit ihrem Smartphone per Paypal 5 Öcken an eine Crowdfunding-Site zur Rettung irgendwelcher Orang-Utangs in irgendeinem Land, das so ähnlich, also glaubwürdig klingt, gespendet. Und sich damit nicht nur ein gutes Gewissen, sondern auch ein Stückchen Glaubwürdigkeit in asozialen Netzwerken erkauft. Wie Extra-Waffen für Fortnite – nur in nett.

Viele Rückkehrer aus Asien beklagen bei ihrer Rückkehr den krassen Temperaturunterschied (wobei es da, wo ich war, also in 850 m. Höhe doch recht frisch zuging) – ich jedoch ertrage den Verfall der Lächelrate nur schwer. Von 180 lächelnden Gesichtern pro Tag auf unter 10 ist schon ein harter Beschnitt der Lebensqualität. Denn darum geht es: sich wahrgenommen, willkommen, geachtet und damit wohl zu fühlen. Scheint hierzulande aber niemanden zu interessieren. Warum nur? Es ist so einfach. Und tut so gut.

Naturgemäß ist alles relativ – also auch die Gründe für Unzufriedenheit. Innerhalb von 3 Wochen keinen Termin beim Facharzt zu bekommen mag ärgerlich sein – kein Arzt weit und breit ist aber auch Scheiße. Täglicher Stau auf der Pendlerstrecke ist bestimmt nervig – wenn einen das System dazu zwingt, den besserbezahlten Job zur Finanzierung des Eigenheims in 60 KM Entfernung anzunehmen. Gar keinen Job zu haben kann da helfen. Dann macht man sich in der Nachbarschaft nützlich. Und die ewige sucherei nach Parkplätzen entfällt. Und sich von Flüchtlingen bedroht zu fühlen ist bestimmt ein mieses Gefühl – mit ihnen zu kochen aber ein gutes. Ebenso wie schnacken statt tindern, giggeln statt glotzen und sharen statt checken.

Zu alledem kommt die obsessive Beschäftigung mit Politik. Ein Phänomen, das erst dem Rückkehrer nach 2 TV-freien Monaten gewahr wird. Denn erst wenn man eine zeitlang völlig entbunden von den Implikationen des Regiertwerdens verbracht hat, fällt einem auf, dass selbst ein so zutiefst undemokratisches Land wie Laos zumindest im Alltäglichen in der Lage ist, seine Bürger in Ruhe zu lassen, statt sie permanent mit dem Scheitern ihres Partizipationsmodells zu behelligen.

Geist. Hier fehlt es daran in jeder Straße, in jedem Laden, jeder öffentlichen Fläche … und meist auch in Gesichtern, Gebahren und Gesprächen. Selbst simple Gemüter – oder gar Animisten, wie es viele Laoten sind – geben sich dort Mühe, diesen Teil des „Seins“ nie zu vernachlässigen. Einfach, weil es zum Menschsein gehört, das Immaterielle zu würdigen und dem nicht sichtbaren Teil der Welt einen Platz zu lassen; im Herzen, in der Zeit und anderswo. Schließlich ist es ja das, was uns wohl von den Tieren unterscheidet.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass jede Stunde die freudlos in diesem, unserem Lande über die Runden gebracht wird, schlicht verlorene Zeit ist, die ich nicht mehr bereit bin, mies gelaunten, gesättigten, humorlosen und materialistischen Zeitgenossen zu opfern. Mein soziales Netzwerk sind Menschen, die noch wissen, dass sie welche sind.

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It must schwing.

27.11.2018 — 01:53

Ach Leute.

Ich bin so froh, ich habe einen Film gesehen. Es ging um JAZZ.

Und dass mein Vater mich seinerzeit damit vertraut gemacht hat, mir dies GEFÜHL für den Swing vermittelt hat, und für das was daran gut und wer darin gut ist, (4/5) ist ein wahrhaft zeitloses Vermächtnis.

Der Film heisst „It must schwing“, ein laanger Dokumentarfilm über Alfred Lion und Francis Wolff, zwei Deutsche Juden, die sich vornehmlich als Berliner betrachteten, dann aber im Angesicht von Bücherverbrennungen und anderen Härten der Nazis dazu entschlossen, auszuwandern und sich auf die Suche nach der Quelle ihrer Passion zu machen – in New York City. Denn sie hatten im Berliner Admiralspalast Benny Golson und Sidney Bechet, wahrscheinlich auch Arthur Shaw gesehen. Und deren Alben wurden nach wie vor verkauft (merke: Jazz kann auch unter dem Radar) – also konnte es mit den Nazis ja nicht so schlimm sein. Dort angekommen, erst Alfred, der Macher (Produzententyp); später dann auch Francis, (der introvertierte Fotograf), erfuhren sie Rassendiskriminierung, wie sie sie nicht mal in Deutschland erlebt hatten. Bullen prügeln auf die Protagonisten der „filthy music“ ein und genehmigen sich danach ein Bier in den angesagten Clubs – wo Jazz läuft, während Billie Holiday mit dem Lastenaufzug zu ihrer Show muss. BLUE NOTE wurde gegründet und mit jedem Cent, den ein paar Platten oder Radio-Abspielungen brachten, wurde das nächste Recording finanziert. Sie haben sich ihr Leben lang um Musiker „gekümmert“. Erst Auftritte klarmachen, dann Sandwiches und Obdach besorgen für die hungernden Art Blakeys, Lou Donaldsons, Sonny Rollins, Bobby Timmons, Horace Silvers dieser Welt; dann feiern in Harlem und danach von den „niggers“ aufgemischt werden. Was erlauben weisser Mann?! Später, als dann auch größen wie Miles Davis und  John Coltrane im Programm waren, war es nicht mehr so schwer. Vorher jedoch, hätten sie ihre Seele (und ihr Auto) dafür verkauft, den jungen Bud Powell zu treffen. Oder später Wayne Shorter, Ron Carter, Quincy Jones, Herbie Hancock – alle im Film zu besichtigen. Und sämtlich voll des Lobes („I never got payed for rehearsals before, man!“). Es ist einfach schön, dabei zuzusehen und zu -hören.

Nicht zu vergessen Herrn Reed, der es doch tatsächlich geschafft hat, über 500 Cover so zu gestalten, dass man nach der Scheibe greift und weiss: das ist richtig. Mal ganz abgesehen davon, dass er der erste war, der die schwarzen Jungs tatsächlich auf dem Cover abgebildet hat. In dieser unnachahmlichen Nähe und Präsenz, die Francis Wolffs Fotos vermitteln.

Filme über Jazz sind immer schwierig. Also lasst uns feiern, dass es zwei weisse, deutsche Niggerseelen geschafft haben, aus ihrer Passion die geilste Musikfirma der Welt geschaffen zu haben: BLUE NOTE. Hier bekam jeder ein Bett, etwas zu essen und notfalls auch eine Flasche Schnaps. Oder werweisswas. Die besten Sessions liefen Nachts, nach den Konzerten in Harlem bei Rudy van Geldern hinter einem Trennvorhang. Because (wie Ron Carter im Film sagt): „Best things happen at night, man!“.

 

 

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Einhundertmal ‚rum.

08.11.2018 — 02:14

Herrschaften.

Wenn man davon ausgeht, dass der Äquator im Umfang etwa 40 Millionen Meter misst und in einer Schlange (wie in England für den Bus) pro Meter 2 Personen stehen würden, dann würde die Schlange der Weltbevölkerung bald 100 Mal um diese unsere (einzige) Erde reichen. Bei einer um viele Millionen pro Jahr steigenden Menschheitsbesiedelung – vornehmlich von Verlierern der globalisierten Weltwirtschaft. Das kann und wird nicht gutgehen. Bescheidet Euch im Verbrauch unserer Ressourcen; das ist der einzige Weg.

Viel Glück, ich werde den GAU wohl knapp nicht mehr erleben.

Zumindest nicht diesen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

PS: Das Durchschnittsalter der Weltbevölkerung im Jahr 2004 betrug gemäß WHO 27,6 Jahre und wird nach UNO-Angaben bis zum Jahr 2050 voraussichtlich auf 38,1 Jahre steigen. Die UNO erwartet bis zum Jahr 2050 einen weltweiten Zuwachs bei den Über-60-Jährigen von jetzt gut 10 % auf dann knapp 22 % bei gleichzeitigem Rückgang des Bevölkerungsanteils der Kinder bis 15 Jahre von jetzt knapp 30 % auf knapp 20 %. Ergo: Wer zahlt die Rente?

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Oooh, Canada.

17.10.2018 — 02:37

Cannabisda!

Seit heute ist der Handel und Konsum von Cannabis im Staate Canada erlaubt. Das ist ebenso löblich wie pragmatisch, denn nur die Legalisierung dieses „weichen“, vergleichsweise harmlosen und – wie in fast allen westlichen Gesellschaften – allseits benutzten Rauschmittels entzieht dem organisierten Verbrechen diese wichtige Geschäftsgrundlage und überführt sie in staatlich kontrollierte Privatwirtschaft mit den entsprechenden Infrastrukturen und Steuereinnahmen. Fragt sich nur, für was diese dann verwendet werden. Ein paar Leute im Finanzministerium sind wahrscheinlich schon „high“ davon – denn es ist die Rede von mehreren Milliarden CAN$.

Nun kann man sicher darüber streiten, ob die Einnahme von Drogen – und das ist Marijuana mit Bestimmtheit – förderlich ist für die Entwicklung von (jungen) Persönlichkeiten oder der Menschheit, aber die illegale Form des Handels und Konsums ist in jedem Falle zersetzend für die Gesellschaft. Tut mir dann auch Leid um die kleinen Dealer im Park und die Schischa-rauchenden AMG-Fahrer, aber ein gewisses Maß an staatlicher Kontrolle ist mir allemal lieber als die Kleinkriminalität auf der Gasse. Denn an der Nachfrage gibt es keine Zweifel.

Und was den Preis angeht – Kifferchen aufgepasst! – so wird er zweifelsohne konkurrenzfähig sein. Die New York Times schreibt: „Quebec shops plan to have many strains available at around $7 or less in Canadian dollars (about $5.40 in United States dollars) per gram to remain competitive with the black market.“ Das ist doch mal eine Ansage.

8 von 10 Kanadiern sagen übrigens, dass sie auch nach der Änderung der Gesetzeslage kein Interesse haben … am Konsum. 6 von 10 finden aber die „business opportunity“ interessant. Das sagt alles und würde dem illegalen Handel schnell jedweden Nährboden entziehen. (Nanos Survey). Dennoch wird der Staat schnell gierig und könnte sich damit selbst die Grundlage für seine „Regulierung“ des Marktes „strecken“. Beispiel aus den USA/Kalifornien, dem größten existierenden legalen Markt: „According to BDS Analytics, the effective sales tax on a gram of cannabis bought in San Jose works out to a hefty 38%. Add this to the higher cost of doing business in the state, and the sticker shock for consumers is real.“ (New York Times)

Angetörnt bin ich trotzdem davon, dass endlich „common sensimilla“ in die Debatte kommt. Und bedröhnt sind nur die, die weiter davon fabulieren, dass Kiffen als illegales Handeln zu betrachten und abzuurteilen der richtige Weg sei, einem „Problem“ Herr zu werden, dass seine Ursprünge in den Tiefen der Menschwerdung hat. Der Wunsch nach Rausch und Spiritualität oder auch nur nach Zerstreuung ist den Humanoiden anheim und wird es bleiben. Manche saufen halt lieber.

Wikipedia lehrt uns: „Neben der Alkoholsteuer (früher Branntwein-steuer): https://de.wikipedia.org/wiki/Branntweinsteuer gibt es auch noch die Schaumweinsteuer, die Biersteuer, die Zwischenerzeugnissteuer und die Alkopopsteuer. Erstere wurde 1902 zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte eingeführt und hat bis heute Bestand.“ Es sind über € 2.000.000.000,-. Pro Jahr.

Genug der Fakten. Irgendwann kommen die Brösel dieser Rechtssprechung auch bei uns an. Und wir werden sie uns mit Freuden aufrollen. Aber vielleicht nicht mehr als Schmuggelware aus Afghanistan und Indien, sondern als Sativa von Dachgärten in Bottrop oder Gewächshäusern im Allgäu. Ich bin sicher, die Qualität wird hervorragend sein.

Weed in Germany und so …

 

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Fussball ist blöd.

16.10.2018 — 15:55

Keine Lust mehr. Denn wie auch immer die Gefühlslage zum Thema, die Sozialisation, die Interaktion und die Freude an der Zerstreuung durch die kollektive Begeisterung für diesen Sport ist, bleibt fest zu halten, dass es nur noch aus 30% desselben besteht. Der Rest ist Medien- und Kommentatorenzeit, Personenkult und Marketing; Merchandising und Sekundärvermarktung à la PS4 inklusive. Das letzte Interesse gilt den Wetten. Für Geld oder gegen den Intimfeind in der Stammkneipe. Auch wenn die Saison entschieden ist, das Transferfenster geschlossen oder der Lieblingsclub am Abkacken. Bleibt die Nationalmannschaft. Und die ist dann wie die CSU: hat schon verloren, will es aber nicht wahrhaben. Fussball macht einfach keinen Spass mehr.

Was, jedoch, wäre die Alternative? Denn Stumpfsinn und Selbstbetrug kann man auch in anderen, weltweit erfolgreichen Sportarten haben: Hotdog-fressen und Langeweile beim Baseball, Kriegsgeheul und Betrug beim American Football, Millionen-Poker und Beliebigkeit in der NBA, Magersucht und „windfall profits“ beim Skispringen, Doping und Nationalismus bei Olympia, krasses Doping beim Radfahren, Militarismus beim Schießen und, äh, Doping und Militarismus beim Biathlon. Skifahren? Zu viel Umweltzerstörung. Kitesurfen? Zu viel Material. Windsurfen? Noch mehr Material. Tischtennis? Zu schnell. Badminton? Noch schneller. Triathlon? Alles zuvor gesagte auf einmal. Curling? Zu langsam. Billards? Noch langsamer. Schach? Siehe R. Gernhardt: „Ich mach mir nichts aus Marschmusik, ich mach mir nichts aus Schach / Die Marschmusik macht mir zuviel, das Schach zu wenig Krach.“

Ich glaub‘ ich liebe jetzt Rugby. Fiese Kerle hauen sich auf die Omme und bringen den Ball kollektiv und gnadenlos in’s Ziel. Also nichts mit Jogififfi Löw, Olliprolli, Reusgeheul und Hummelsgebrummels. Und auch nichts mit Dummbatz-ZDF und Besserwisser-Sky. „Da Zone“, quasi.

Und selber spielen tue ich Golf. Das ist langsam, braucht viel Material und Platz, renaturiert ganze Landstriche, fordert Sorgfalt, Demut und Präzision und Doping nutzt nix, denn der Feind sitzt zwischen den Ohren. Ausserdem wird es irre gut bezahlt. Wenn man zu den 0,001% gehört. Wie beim Fussball auch. Nur schöner, weil kaum einer zuguckt.

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La bohème …

02.10.2018 — 05:02

… ne signifie plus rien.

Éh oui, cher Charles, comme tu chantais; le temp qui passe n’a pas arrangé les choses.

Car les hommes de talent, de stile et d’attitude nous manquent de plus en plus en ces temps barbares. Ceux qui sonts „dissociés du bruit“, les „amoureux de l’amour“, les „têtes d’affiche“, les „geules de bois des hasards“ et surtout les „musiciens comédiens magiciens“.

Tu nous as fait briller le soleil de nos envies secrètes à pleins feux. De pluie en bataille; nos amours on trouvés ta voix et tes mots pour nous émouvoir toujours à nouveau. Même, si ce n’etaient que des souvenirs.

Non, nous n’avons rien oublié.

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Den Hitlergruß im Dorf lassen.

30.08.2018 — 23:55

Disclaimer: for my international readers: „Die Kirche im Dorf lassen“ is a German saying that means (literally) „to keep the church in the village“ in the sense of „we should not allow ourselves to be carried away“. Just in case some search engines would trigger on the word „Hitlergruß“.

Chemnitz hat 250.000 Einwohner. Also wären die 5.000 Rechten minus der zugewanderten bzw. „migrierten“ Agitatoren wahrscheinlich an der 5%-Klausel gescheitert. Die, die jetzt anreisen um das Ganze zu einer „Volksbewegung“ hoch zu stilisieren nicht mitgerechnet. Ich will damit nichts kleinreden. Aber die Plattform, die die Medien derzeit diesen Dumpfbacken bietet, macht mir mehr Sorgen, als der Mob selbst. Ebenso die Machenschaften des Verfassungsschutzes und ihrer V-Männer, die offensichtlich nichts Besseres zu tun haben, als ihre eigenen Spuren durch eine Eruption zu verwischen. Anders betrachtet wären die scheußlichen Manifestationen scheinbaren Bürgersinns also Notizen aus einer Provinz, von der man weiss, dass sie die Schuld am eigenen Elend woanders sucht – und das seit Jahren und staatlich lizensiert, weil es Wählerstimmen bringt. Den damit einhergehenden „Volkszorn“ nahm man wohl billigend in Kauf. Und die Medien stürzen sich nun darauf – mit der Begründung, so etwas dürfe nicht unkommentiert zugelassen werden. Zugelassen? Wer hat es denn „zugelassen“? Die Politiker, die seit Jahren das rechte Auge zudrücken? Die Medien, die seit Jahren so tun, als wäre „laisser-faire“ in Sachsen so etwas wie Entwicklungshilfe? Oder die Bundesregierung, die von extremen rechten Machenschaften nichts wissen will, weil sonst das Gleichgewicht im Bundesrat zu kippen droht? Wie dem auch sei: ihr lieben Chemnitzer, wir glauben fest an Euch und Eueren Bürgersinn, an die Hundertschaften aus Bayern, an den Schwarzen Block, an Frau Barley  … und in 3 Wochen ist der Spuk vorbei. So wie, äh, der Koalitionsvertrag. Oder die Rente. Oder Fukushima.

 

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Iden des Mais.

01.05.2018 — 00:23

Auch wenn good old Karl M. nur noch ein abgefeiertes Gedanken-Konstrukt ist, das auf brillianter Analyse basiert, daraus aber falsche Schlussfolgerungen gezogen hat; bleibt am Vorabend des 1. Mai so etwas wie eine marxistische Restwürde fühlbar. Befeuert zum Beispiel dadurch, dass sich an der Enteignung des produzierenden Volkskörpers (vulgo: Proletariat) nichts geändert hat. Im Gegenteil: wir sind nunmehr bei der digitalen Enteignung 4.0 angelangt. Mit jeder Suchanfrage auf Google machen wir die Anteile der (anonymen) Shareholder wertvoller. Mit jeder Telekom-Aktie, mit jeder What’s App-Nachricht, mit jeder Booking.com oder AirBnB-Buchung. Oder mit Bitcoin-Mining und selbst mit sharing economy.

Sicher, WIR müssen für die Bereicherung der Anteilseigner vielleicht nicht mehr in Fabriken schwitzen – woanders in der Welt aber schon. Indische Kinder die Steine klopfen (ironischerweise für unsere Gräber) und Elektromüll-Trenner in den Giftschwaden von Lagos gibt es ebenso in Scharen wie Wanderarbeiter in China oder Philippinische Hausangestellte.

Insofern hat sich nicht viel geändert. Das Kapital bleibt bestimmend. Und es hat sich nicht gleicher verteilt seit Marx und seinen Apologeten die Gelegenheit gegeben wurde, es anders zu machen – mangels politischer Spielräume jenseits der Bourgeoisie. Im Bayerischen sagt man bis heute: „Wer zoit, schafft ‚o!“

Was mich immer noch so empfindlich stört, ist die öffentliche und publizistische Gleichstellung beinharter kommunistischer Diktatoren (Stalin, Mao Zedong, Ho Tschi Minh, Pol Pot etc.) mit den reflektierten und zukunftsweisenden Betrachtungen von Marx. Es ist zum Verzweifeln: die Ungleichheit hat sich weltweit verstärkt, ihre Wahrnehmung aber verflacht zusehends. Obwohl die Divergenz zwischen „Proletariat“ und „Bourgeoisie“ sich tagtäglich auf’s unerträglichste verschärft. Und wer sich mit seinen Schriften auch nur 10 Stunden beschäftigt, würde sie für schlüssig befinden.

So bleibt uns also in den Iden des Mais nurmehr lächerliche Linken-Folklore mit Steineschmeißen auf der Schanze zu bedauern. Ein klar umgrenzter Raum für ein wiederkehrendes Ritual, das dem revoltierenden Proletariat seine kleine Spielwiese lässt – bekämpft und beschützt mit Steuergeldern bzw. den von ihnen bezahlten Ordnungskräften. Und Mario Adorf, der eitle, senile Trottel darf ihn endlich spielen, als den Opa mit den lustigen Ideen.

Wer sich ein wenig in der Welt umgesehen hat; in Gegenden, in denen bittere Armut herrscht und die Ungleichheit jeden Tag fühl- und erlebbar ist, der weiss, dass es für diese Ideen einen riesigen Resonanzraum gibt; dass sie weder falsch noch übertrieben sind … und das sie dennoch daran scheitern werden, dass jeder Proletarier heimlich gerne selbst ein Bourgeois wäre.

Da liegt der Denkfehler von Marx – und er wird bestehen, bis wir daran zu Grunde gehen.

Dennoch und mit Restehre: Einen schönen Tanz in den Mai. Venceremos!

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Let loose you must.

23.03.2018 — 01:22

Der nächste Tag. Nicht viel besser als der vorherige. War aber auch nicht so vorgesehen. Bezugnehmend auf meinen Post von gestern gilt es festzustellen, dass der heutige nicht zu Hoffnung Anlass gibt. Also wieder nach der Reihe der gestrigen Gliederung aufgerollt:

Bayer schluckt Monsanto. Defätistische Aufregung in den Aktivitätsnetzwerken. Letzte Zuckungen. Vestagerismus. Die EU scheint sich abgefunden zu haben. Der US-Beschluß steht aus. Lasst mich raten …

Regierung: zumindest die neue im Justizministerium scheint ein paar Eier im Hosenanzug zu haben. Mal sehen, wie lang. Thema Facebook ist ihr ja förmlich vor die Füße gefallen, die japanischen.

Apropos: Der Zuckerberg kreisst, keine Maus wird sich bewegen. Bin sehr gespannt, was außer Investoren-Gehabe auf dem Parkett auf Consumer-Seite passiert, ergo zumutbar ist. Die legally blondes werden daraus sicher neue Benchmarks der Zumutbarkeit basteln.

Amazon macht weiter, kein Problem. Die Bomben fallen weiter in Syrien, kein Problem. Die Türken machen weiter mit der Unterdrückung, kein Problem. Kambodscha macht weiter mit der Vernichtung der freien Presse, kein Problem. Die Bahn macht weiter Profit, kein Problem.

Letzteres allerdings ist ein Skandal. Denn das Leben und die Freiheit zu verlieren ist eins. Aber zu spät ankommen nach 3 Bier im Bistro ist wirklich eine Zumutung.

Morgen ist ein neuer Tag.

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Dark day.

21.03.2018 — 23:14

Ein dunkler Tag. Dunkel genug, um die Schreibblockade zu überwinden.

Jenseits aller Erfahrungen in Kambodscha, mit einer „ausbrechenden“ Diktatur – von langer Hand vorbereitet, vom obersten Gericht herbeigeführt und vom neuen Bruderland China gestützt – und den anhaltend katastrophalen Lebensbedingungen dort, gibt es hierzulande Nachrichten, die auch im globalen Zusammenhang Anlass geben, schlimmes zu befürchten. Kleine Auswahl gefällig?

Bayer schluckt Monsanto. Es entsteht eine weltweite Vorherrschaft durch ein gigantisches, multinational börsennotiertes System, das traditionelle Landwirtschaft einem zentralisierten Mahlstrom aus genetisch resistentem Saatgut und seiner Entsprechung in den passend designten Pestiziden zuführt – oder umgekehrt. Der Bauer wird zum Produktionsknecht. Der Verbraucher verliert jedwede Kontrolle.

Merkel gibt in der Regierungserklärung zu, Deutschland gespalten zu haben. Wen bitte? Als wäre die Normalität von über 3 Mio. Muslims und die Petitesse von nicht mal € 9 Mrd. gesamtgesellschaftlicher Kosten für die Bewältigung der Flüchtlingskrise (€ 5 Mrd. davon befeuern Wirtschaftskreisläufe, Beamtenapparat, Umsätze und Jobs) keine Massnahmen, auf die man eigentlich stolz sein kann, sondern ein eingestandener Fehler? Das wird Herrn Gauland freuen – und eben das sah‘ man ihm heute in seiner feisten Rede auch an.

Amazon verschickt hierzulande Waren von über 3.000 Chinesischen Firmen, ohne dass diese dafür Umsatzsteuer zahlen müssten. Weil Müssen ja bekanntlich im Auge der Plattform, pardon, des Betrachters liegt. Dass lässt sich dann gut einpreisen. Abwärts nämlich. Der Dumme ist also der Anbieter, der sie zahlen muss. Mittelbar alle in der EU.

facebook macht jetzt auch offiziell das, was ich immer hier und überall behauptet habe: Menschen und ihre Neigungen an andere und Firmen zu verkaufen. Wirklich zur Verantwortung zu ziehen sind sie nicht. Denn das Mißverständnis liegt darin, dass wir (also ihr, ich nicht) eben keine Kunden eines Dienstleistungs-unternehmens sind, das man zur Rechenschaft ziehen könnte, sondern sein Produkt, also seine Ware. Und dafür habt ihr alle irgendwann, irgendwo Euer Einverständnis gegeben.

So, genug jetzt. Es gäbe noch das Wetter, die Bahn, die Sklavenarbeit und die Bombentoten in Syrien, Kabul und Kambodscha zu beklagen, aber es reicht für heute.

In diesem Sinne: bis morgen.

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