Archiv für März 2010


They did it.

März 31st, 2010 — 5:24pm


Ach wunderbar, die alten Medien.

Wenn man die SZ schon am Vorabend gekauft hat, konnte man als Thema des Tages lesen, dass es unsere lieben Physiker vom CERN jetzt endlich geschafft haben, unter Aufwendung von ein paar Millionen EURO und dem Stromverbrauch des gesamten Kantons Genf ein paar Protonen durch die Röhre zu schießen und kollidieren zu lassen. Die Bildredaktion brachte dazu ein Foto verhalten jubelnder Wissenschaftler vor Monitoren. „Physiker simulieren den Urknall“ stand da als Headline zu lesen.

In der Morgenausgabe dann wieder die gleiche Headline vom „Urknall“, nur hatte die Bildredaktion für diesen wunderbaren Morgen das Bild des Tages (das eigentlich das Bild des vorhergehenden Abends war) ausgetauscht: Statt verhalten jubelnder Physiker nun ein entfesselt jubelnder Olic samt Ribery im Schlepptau: Jawoll Freunde: Jetzt macht die Nachricht vom „Urknall“ plötzlich Sinn und rückte die Dimensionen zurecht.

Comment » | Kunst

Was Olic sieht.

März 31st, 2010 — 2:00am

Nun, wir haben es alle gesehen und mit großer Freude reingeguckt, als er es reingemacht. Aber was hat Olic gesehen, als er in den Fernseh‘ zurückgeguckt hat? Das:

1 comment » | Alltagskultur

Indianbelievable.

März 30th, 2010 — 1:01am

INDIA 3 (alter Text, neu aufgelegt für die neue Kategorie und als Test für Bildeinbindung)

Zug I

Schwerer Ereignisstau, zumindest was die Schilderungen an Euch angeht. Hier jagt nämlich ein Highlight das nächste und fast wäre der Punkt erreicht gewesen, an dem ich vor der schieren Fülle begeisternder Erlebnisse schreibtechnisch kapituliert hätte. Also nur ausschnittsweise aus dem Indernetcafe und inder Reihe nach:

Der Zugsturz von Ooty die Berge hinab war eine der aufregendsten Fahrten meines Lebens. Kann ich ruhig im Plural schreiben, meint Sim. Nun denn: die insgesamt 3 direkt aufeinander folgenden Züge aus fröstelnden Höhen (Ooty) hinab in die schwülen Ebenen (Coimbatore) und über die Nächte in die Sonnenaufgänge am Meer (Kochin) waren die eindrucksvollsten, die uns je hatten. Bis auf halbe Höhe ließ sich alles ganz entspannt und malerisch an. Das entzückende Bähnchen v. 1908 ruckelte dieselig die rollenden Hügelketten hinunter, das Tal war in Sichtweite, wir freuten uns über die vielfältiger werdende Vegetation und jedes Grad mehr, mümmelten Nüsse mit unseren Holzbanknachbarn (quer durchgehend über die Wagenbreite mit einer Winztüre und 3 schmalen, versenkbaren Fenstern je Seite) und fühlten uns wie die Hobbits der Jahrhundertwende auf Bummelfahrt durch „The Shire“. In Conoor dann wurde eine vorsintflutliche Dampflock verkehrt herum vorne an die 6 Wägen gekoppelt.

Sollte es etwa wieder bergauf gehen? Mitnichten. Direkt hinter dem Bahnhof „kippte“ der Zug nach vorne, unvorstellbare Abgründe taten sich auf, das „Tal“ stellte sich als Hochplateau heraus und von nun an ging es hart an der Wand lang in einem Winkel von bis zu 1 auf 5 hinab – ein Gefälle, das meines Wissens nach in Deutschland für Autos verboten ist. Das Einzige, was uns bremste war die Lock, die funkensprühend und unter Volllast gegen unsere Entgleisung anschnaufte. Alter Inder! Eukalyptuswälder, Teeplantagen, Koniferen, dann Dschungel, Sturzbäche, Wasserfälle, Schluchten, Brücken, Hohlwege durch blankes Gestein, Tunnels, Dschungel, Blumendschungel, Sturzdschungel … großartig!

Zug II

Besonderen Spaß macht es, wenn man schlemmt um sich die Zeit bis zu einem mitternächtlichen Zug zu vertreiben, dies in geselliger Runde mit zwei jungen, brillanten, weitgereisten und witzigen Oxford-Studenten vonstatten geht, und die Zeche auch noch einem Waisenhaus zugute kommt.

Weniger Spaß machen einem die stockbewehrten Kahki-Wichtigtuer, aus deren oberem (meist leeren) Drittel ein gewaltiger Schnäuzer entspringt, der, von einer unvermeidlichen Stahlbrille gekrönt, dem Rang entsprechend grösser wird; die dahinter hervorgestoßenen Informationen aber nicht richtiger. Im Gegenteil: Je stolzer der Gang im eigentlich überschaubaren Einflussbereich eines Bahnsteiges (also bevölkerungstechnisch einer mittelgroßen deutschen Stadt), desto unbrauchbarer, unverständlicher oder schlicht falsch sind die Antworten auf noch so ehrerbietige Fragen. Angesichts fast 500m langer Züge mit bis zu 28 Waggons von denen man den einen reservierten ziemlich genau treffen muss, da der Zug etwa 2 Minuten hält und der Bürokratenfurz an der Türe davon 1 Minute benötigt um unseren Namen auf der aussen am Zug befestigten Passagierliste zu finden („Good evening, Linhof.‘ „ok, Inok“ “ No. LinHOF!“ „Ok,ok, Inok, let see, Inok, Inoook..“ „Nono! L.I.N.H.O.F.!“ etc.. bis Du selbst drauf zeigst . „Aaaah! (grins) INOK! Thank you Sir, sorry Sir!“) … resultieren die Fehlinfos in 1.500m Nachsprint mit je 15 Kilo Handicap. Um 01.30 Uhr regt das die Verdauung des zuvor beschriebenen Diners an – und das ist das Letzte, was Du in einem indischen Zug der schon 2.000 Km unterwegs ist, gebrauchen kannst. Davon träumst Du Nachts, schreckst hoch und riechst an Deinen Fingern. Bisher hatte ich Mitleid mit den Konstipierten…

III Fort Kochin

Kaum angekommen sind wir kurz entschlossen bei Sonnenaufgang mit der ersten Fähre nach Fort Kochin, einer der 3 Halbinseln der geschäftigen, wohlhabenden Lagunen- und Hafensiedlung Ernakulam/Kochin übergesetzt. Das wurde sofort belohnt. Gedämpftes Laisser-Aller in beschaulich postkolonialem Mauergemoder, warme Erdfarben und verfallende Prachtbauten der portugiesischen, dann holländischen, dann englischen Kokos- und Kautschukbarone, kaum Autos, ja Fahrräder und sanftes Molengeplätscher im Schatten riesenhafter Raintrees. Hier lässt es sich aushalten, dachten wir, und das taten wir dann auch, fast gleich ganze 3 Tage lang. Bisschen Action war neben seehr langsamen Spaziergängen auch dabei. Z.B. mit anpacken beim Rauswuchten der 700 Jahre alten chinesischen Hebenetze (Geschenke vom Hofe des Kublai Khan – Linhofs kennen vergleichbare Mini-Versionen aus der Vendee), den fast armlangen Fang zum Shack ums Eck bringen und grillen lassen und auf einen Koch treffen, der meine Anweisungen nicht nur verstanden, sondern auch noch -Achtung!- befolgt hat! So soll es sein.

Abends Kathakali-Vorführung mit sehr geschminkten und deshalb als solche kaum mehr zu erkennenden Ariern in prachtvollen Kostümen, die ganz prachtvoll zu nervenzerfetzendem Zimbelgewimmer und brachialem Trommelgewummer so komplizierte Plots wie ‚ Edler Prinz tötet bösen Dämon“ über Stunden mit ihren Händen und Gesichtsmuskeln durchbuchstabieren. 6 Jahre studieren die Tänzer, die Musiker ebenso, die Schminker immerhin 4 und das geneigte Publikum braucht wahrscheinlich ein Leben lang, um das Großgefuchtel in seinen Feinheiten zu begreifen. So viel Zeit hatten wir dann doch nicht und außerdem gab’s ums Eck im Art Cafe frischen Zitronenkuchen – ein bekanntermaßen altbewährtes Europäisches Hausmittel gegen Tinitus.

IV Backwaters

Was ein paar Kilometer (also ein paar Stunden) weiter südlich in Allepey folgte wäre für sich genommen die (An-)reise wert gewesen. Gemeinsam mit unseren neuen Freunden Andrew und Charlotte haben wir uns ein zum Hausboot umgebautes „Kettuvalam“ gemietet – also eine ehemalige Reisbarke, um (Übernachtung inklusive) weiter in die fast 900 Km Kanalsystem der „Backwaters“ an der Küste Keralas vorzustoßen. Ein riesiges, dichtes Geflecht von Seen, Wasserwegen, Kanälchen und Bassins, die eingefasste, tieferliegende Reisfelder bewässern, die gleich hellen Smaragdflächen aufleuchten und auf deren winzigen, schmalen Landstegen Menschen unter dichtem Palmenbewuchs ein unwirklich idyllisches, bescheidenes aber hungerfreies Leben fristen.

Wer nun meint, wir wären, die Augen geradeaus auf Holzbänkchen gekauert unter einem Sonnenschirm herumgeschippert worden, irrt gewaltig. Die „Kharavag“ ist ein 78-Fuss langer, schwimmender Palast mit 2 holzgetäfelten Doppelschlafzimmern, separaten Bädern und einer zu den Seiten offenen, nach vorne im Ovalbogen triumphierenden, luftsaugenden Ess-, Sitz- und Liegelounge im vorderen Bootsteil, die auf gut und gerne 40 qm perfekte Ausblicke und verschwenderisch viel Platz zum lümmeln und glücklich sein bietet. Großräumig in weichen Formen mit dichtem Bambusgeflecht umhüllt, aus dem sanft geschwungene Runderker und Giebel hervortreten, die mittschiffs die großen Doppelfenster der Suiten rahmen und Licht- und Luftdurchlässe einfassen, ähnelt sie einer langgestreckten, geschmackvoll möblierten Wasserschildkröte.

3 Mann Personal, darunter ein begnadeter Koch und ein leiser aber kraftvoller Inboard-Diesel machen den Komfort perfekt. Die Landschaft ist unbeschreiblich schön und was uns angesichts des riesigen Gefährts entging wurde bei Sonnenuntergang mit einer in rosa getauchten Kanufahrt durch die flüssigen Hinterhöfe der wie auf Wasserspinnweben klebenden Kleinstsiedlungen erpaddelt. Die Kinder hier bringen es fertig, auf 4 Metern Breite zwischen den Palmenhütten Cricket zu üben. Einige kühle Biere und köstliche Kerala-Spezialitäten später, weit weg von Allem am Rande eines Reisdammes angelandet beendeten Sternschnuppen im befunkelten Neumondhimmel einen perfekten Tag.

Es treibt mir jetzt noch die Tränen in die Augen wenn ich daran zurückdenke. Dabei sitzen wir bereits am Meer unter Palmen und sehen der Brandung im türkisfarbenen Ozean zu. Doch davon mehr beim nächsten Mal.

Gehabt Euch wohl,

R.

PS: In Indien trägt der Menschenschinder höchstwahrscheinlich bunte Binder.

PPS: In Indien muss man selbst ErfIndern an die ErfIndung sanft erIndern. (Robert Gernhardt gewidmet)

Comment » | Reisen

Ein Sommerspaziergang.

März 29th, 2010 — 4:21pm

Im Jenisch Park.

Hier geht zum Download des Films.

3 comments » | Alltagskultur

Tatort: der Sonntag Abend.

März 28th, 2010 — 10:39pm

Während sich die 40+ tagsüber gelegentlich noch Gedanken machen über ihren Rest an Coolness, sorgsam ein sehr westeuropäisches Garderoben-Dilemma pflegen (was geht noch?) und bei jeder sich bietenden Gelegenheit akzeptable Souveränität über Geschmack oder gar Persönlichkeit stellen, gibt es beim SonntagabendTatort offensichtlich einen Konsens: das gönnen wir uns als Ritual, das machen wir, weil wir rechtschaffen müde sind und – leg‘ Dich gehackt – so sind wir eben. Ausserdem ist es Frauchen-Kompatibel.

Wehe dem, der es da wagt, anzurufen. Schlimmer als früher während der Sportschau.

Servus Jungs,

R.

1 comment » | Alltagskultur

Mensch Romeo, Digger.

März 28th, 2010 — 1:26am

Gestern im Schauspielhaus.

2. Rang, Romeo und Julia.

Der erste wirklich warme Tag des Jahres; gefühlte 5 Gymnasialklassen samt Lehrkräften einherlärmend, alle pollenverseucht, schlechte Luft von den Abo-Bürgern weiter unten und der säuerliche Dampf schlecht gewaschener Fast-volljähriger.

Deutschlands größte Sprechbühne öffnet den Vorhang auf die unfassliche, fast leere Tiefe des gesamten Bühnenraums. Erdfarbenes Linoleum-Patchwork auf einer leicht ansteigenden Fläche, spärliches Licht, dahinter geahnte Abgründe. In einem versenkten Rechteck kräuselt sich menschliches Gewürm zu glitschigen Schleimklängen.

Atemloses Geflüster der Schüler, unisono: ‘geeiil!’ – nur die semi-türkische Streberin hinter uns (und neben dem Deutsch-Leistungskurslehrer natürlich) haucht ‘niice!’.

Der meiste Rest ist schwer gekürztes, kaltes, neo-realistisches Regietheater mit der über allem schwebenden Drohung des Regisseurs -eines gewissen Herrn Schumacher- sich bloß nicht in Empathie zu ergehen. Entsprechend kühl und ent-alexandrinert die Dialoge; kalkulierte Modernisierung der gaanz alten Schule, die in der völlig unnötigen Pause von frisch der Pubertät entwachsenen mit Kommentaren wie ‘war ja gar nicht so schlimm wie ich dachte’ quittiert wird.

Was in der ersten Halbzeit noch durch sehr physische Einlagen des Chores (hier: ‘Die Brut’ als unsubtile Mischung aus Armani-Models und gel-gescheitelter Hitlerjugend) und mit Szenenapplaus bedachten Klimmzügen eines schluderhaften Romeos am Speedkletterer-Balkon kinetisch gehalten wurde, versandet in der zweiten zu Schalke vs. Bayern ohne Robben-Tor. Bis uns klar wird, dass die ‘Brut’ da unten wohl Mitschüler sind, die entsprechend unterstützt werden. Also doch 1:0 für die Capulets.

Magath verliert trotzdem, weil das Unentschieden (3:3 nach bodycount) kein Wunschergebnis ist, obwohl der Rasen makellos und die Protagonisten bemüht waren. Ein Elfmeterschiessen findet nicht statt.

Ach so, ja, Julia: keine Entscheidung zwischen pampiger Göre und postmoderner Theaterbraut zu erkennen – insofern bedeutungslos.

Da sei der Fürst von Verona vor: ‘Nur düstern’ Frieden bringt uns dieser Morgen; Die Sonne scheint, verhüllt vor Weh, zu weilen. Kommt, offenbart mir ferner, was verborgen; Ich will dann strafen oder Gnad’ erteilen; Denn niemals gab es ein so herbes Los, als Juliens und ihres Romeos.’ (Alle ab.)

Und wieder danteskes Gewürm. Zur Erinnerung wohl. Danke, wir haben verstanden.

‘Ein wenig Schwärmerei möcht schon sein’ (Heine)

R.

Comment » | Alltagskultur

Zurück nach oben