Wieso geht mir seit Sonntag immer dieser Song von Blumfeld durch den Kopf: „Die Diktatur der Angepassten“?

Volksentscheid in Bayern zur Raucherdiskriminierung (und -inkriminierung): Versuchen wir es für‘s erste in kurzer Form, weil: ein so vielschichtiges und zeichenhaftes Eriegnis uns zwangsläufig noch länger beschäftigen wird und mit all seinen kulturellen, politischen, sozialen Implikationen in einem Beitrag eh nicht zu erschlagen sein wird.

Den 4. Juli (!!!!) mit seinem vorhersehbaren Ergebnis sollte man sich allein schon deshalb merken, weil hier vorgeführt wurde, wie es freundlich geschätzten 15% der Wahlberechtigten gelungen ist, eine deutlich größere Gruppe der Bevölkerung zu kujonieren (einen Begriff, den wir in diesem Zusammenhang gerne von Heribert Prantl übernehmen, den wir schon längst nicht mehr mit der Süddeutschen Zeitung identifizieren können, sondern nur noch mit ihm selbst), in ihre Lebenswelt und ihre Alltagskultur einzumacheten – und scheinbar en passant ein gewichtiges Indiz dafür abzuliefern, dass die sogenannte direkte Demokratie als Heilmittel für die Defizite des Parteiensystems Risiken und Nebenwirkungen bereithält, die in mindestens so fetten Lettern auf den Beipackzettel des real existierenden Staatswesens gedruckt gehören wie die der EU-Menetekel auf den Zigarettenschachteln.

Vor allen anderen Überlegungen muss allerderings festgestellt werden, dass sich die bayerischen Raucher bei dieser Abstimmung mehrheitlich selten dämlich – nämlich wahlenthaltsam – angestellt (also eben: nicht angestellt) haben. Immerhin haben sie mit dieser denkwürdigen Wahl-Abstinenz dem Begriff „Passiv-Raucher“ eine völlig neue Bedeutung verliehen.

Alles weitere an der Geschichte, ist dann aber schon ziemlich ernst und wird sogar bitter ernst durch die Beobachtung, dass kaum jemand in der Lage und/oder willens zu sein scheint, die Zeichen zu deuten:

So hat sich offenkundig unter den Gegnern ebenso wie unter den hysterischen Befürwortern des Volxendsschei’s kaum jemand ernsthaft den Text einmal näher angeschaut, der ab 1. August GESETZ werden wird. Denksportinterssierte, Logiker und Verfassungsrechtler sollten das mal anstelle des morgendlichen Sudokus tun (wir werden darauf demnächst eingehen und sind gespannt auf Hinweise.)

Was schwer wiegt und offenkundig keine Sau interessiert, ist angesichts des zur Abstimmung vorgelegten Gesetzes der Umgang mit einem (Gedanken-)Gut, das sich in demokratischen Rechtsstaaten (und auch in nicht-demokratischn historischen Gemeinwesen)  hinsichtlich des sozialen Friedens und allgemeinen Gerechtigkeitsempfindens als äußerst wohltuend erwiesen hat: Es ist dies das Prinzip der Verhältnismäßigkeit, das hier auf eine Art mit Füßen getreten wird, die für denkbare (und anstehende) andere Fälle nichts Gutes erwarten lässt. Denn was diese Initiative letztlich durchgesetzt hat, ist zu verbieten, dass andere (deren Verhalten einen ganz allgemein und unspezifisch „stört“) auch da, wo man als Gestörter nicht ist, mit freiem Willen unter- und miteinander anders sein können. Strukturell wird mit diesem Volksentscheid der Geist früh- und pseudoaufklärerischenTerrors demokratisch legitimiert. Entmündigung. Entrechtung. Freigabe zum Abschuss mit Fürsorgeargumenten.

Selten wurde in der Geschichte der Bundesrepublik ein Konflikt so polarisierend und unter Verhinderung jeglichen rationalen Diskurses ausgefochten. In der Causa „Nichtraucherschutz“ sind die „Richtigen“ so „richtig“, dass jedes Foul gegen die „Falschen“ subjektiv und innerhalb der eigenen Gruppe als Akt der Menschheitsbeglückung gewertet werden kann. Endlich kann man sich in der Ortsgruppe der GRÜNEN (in der ÖDP sowieso) so richtig einfühlen, wie es ist, ein politisch korrekter Taliban zu sein. Geil???—!!!!–?? Mich friert schon jetzt im Juli, nicht erst im Januar, an der Ecke, wo dann früher meine Lieblingskneipe gewesen sein wird.

Category: Alltagskultur 1 Kommentar »

Eine Antwort zu “Wieso geht mir seit Sonntag immer dieser Song von Blumfeld durch den Kopf: „Die Diktatur der Angepassten“?”

  1. Ralph

    Grandios. Endlich jemand, der begreift, dass hier nicht über eine „Causa“, sondern über einen Lebenstil entschieden wird – und zwar auch dort, wo sich die (leider agileren) Eiferer gar nicht aufhalten (werden/würden). Insofern ein übler Affront gegen alles, was ich als Gerechtigkeit und Toleranz empfinde; verbunden mit der Hoffnung, das wir Hamburger „so’n Törn“ nicht mitmachen. Weil es schlicht gegen die Menschenwürde gerichtet ist, wenn andere Menschen anderen Menschen was verbieten.
    R.L.


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