Fallhöhe.

Bei Rückkehr: Hoch. So hoch, dass man verzweifeln möchte ob der mangelnden Sensibilität, der primitiven Codes und der Vulgarität der Sprache. Kein Wunder, dass sich die Franzosen nicht darauf einlassen. Vom Essen gar nicht zu reden: wenn ich hier auf der Straße nach etwas geniessbarem suche, werde ich mit grausamen Erfindungen der Convienience-Kultur konfrontiert, waehrend ich mich DORT gar nicht entscheiden kann.
Und ein nachmittäglicher Ausflug im 4er Bus mit 13-jährigen Schulrepatriaten macht klar, dass die meistbenutzte Vokabel tatsächlich „Digger“ ist. Pauvre de nous! Auch wenn ich mir der armseligen Alterserscheinung einer solchen Beschwerde bewusst bin, ist die Analyse des Großstadtzustandes doch niederschmetternd. Bald mehr dazu.
Trotzdem schön; Hamburg im endlichsommer.

Mistral.

Eigentlich nur ein Wind. Ein Fallwind.
Verursacht durch ein Tief im Golfe du Lion, korrespondierend mit einem Hoch über dem Massif Central. Dann rauscht er hinunter; durch das Rhône-Tal, ins Rhône-Delta, oder direct von den Südalpen hinab über Toulon oder Marseille hinaus ins Meer und reisst dabei alles an Molekülen, was er links und rechts kriegen kann – von Nimes bis Nizza und Arles bis Auch wo Du bist – mit sich in einen Zustand permanenter Erregung und Alarmbereitschaft, die sich direkt und spektakulär auf die See und das Gehirn überträgt. Sehr anstrengend, der Herr, fordernd und unerbittlich in seiner Böigwilligkeit. Er nährt einem ständig die Hoffnung, es sei vorbei und ist doch keinesfalls bereit, einem Voraussagen zu gewähren. Besonders tückisch ist seine Angewohnheit, mit glasklarblauem, leergefegtem Himmel daherzublasen. Mann kann sich mittelbar nicht über schlechtes Wetter beschweren. Und doch wird vieles, was Urlaub bedeutet, von ihm unterminiert. Boote fahren nicht raus, weil sie nicht mehr rein kommen würden, Bälle fliegen wie er es will, Wasser wird zum Vandalen, der Strand zum Extrem-Peeling und Spaziergänge an der Küste zum Balanceakt. Chapeau, monsieur Mistral, Sie unterbrechen die Tourismusmaschinerie auf eine Weise, die einen das traute Heim zu geniessen lehrt und darüber hinaus zeigt, dass zumindest die meteorologische Welt nicht auf uns Vergnügungssüchtige gewartet hat.
Soll’ er mir doch einen blasen …

Hamburg 2 : Berlin 0

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Als Corny meinte, der Aufstieg „ließe sich wohl kaum vermeiden“, dachte er wohl als begabter Produzent an die sog. „Running costs“ der kommenden Saison. Da hat er wohl recht und wir leiden mit seinem Controler. Wir freuen uns trotzdem. Und ich besonders. Denn es war ein „perfect weekend“. Erst wird Bayern Meister (Papier), dann steigt Pauli auf (Papier), beides sicher (Papier). Am schönsten ist jedoch, dass ich mich in den Urlaub aufmache, ohne in Südfrankreich krampfhaft nach einem Internetsender suchen zu müssen, der mir die Wimpernschlag-Finales mit lausigen, zeitversetzten 2-Zeilen-Infos übermittelt. Als Meister und Aufsteiger in die Sommerfrische, was will man mehr. Die Derbys werden groß; 2 ganz bestimmte Spieltage für mich jedoch zur Qual werden. Der Rest ist Berlin, also Müll auf der Halde der Geschichte.

Rezept zum Aufstieg:

500 g Ricotta

230-250 Blätterteig (fertig/TK)

125 g Mozzarella

100 g Parmesan

1 Bund glatte Petersilie (nicht ganz, eher noch Kerbel dazu oder ein bisschen Oregano)

3 Eier

Salz, Pfeffer, Piment (2-3 Körner)

Zubereitung: Ricotta glattrühren und nacheinander die 3 Eier unterschlagen. Gewürfelter Mozzarella, den geriebenen Parmesan und die fein gehackte Petersilie unterrühren. Mit Salz und Pfeffer (Mühle) + Piment (separat klein zerdrücken/mörsern) würzen.

Backofen auf 180° Grad vorheizen (keine Umluft).

Backform (ca. 26 cm) mit Blätterteig auslegen und den Boden mit der Gabel mehrfach einstechen.

Käsemasse darauf geben und verteilen.

Ca. 45 Min. backen.

Da steigt was auf. Und die Esser (6) ein.

Empfehle Ruccola-Tomaten-Salat dazu.

Meister.

Im Mittelalter war ein Meister jemand der sein Handwerk nicht nur bis zur imaginierten Perfektion beherrscht, sondern auch dazu in der Lage ist, dieses Wissen an andere weiterzugeben. Wie weit ist doch der medialisierte Fußball davon entfernt, Lerninhalte zu transferieren, geschweige denn, erfolgreiches Denken und Handeln als „Schule“ zu tradieren. Mit Strenge und Stringenz, Unabhängigheit und Chuzpe.

Dass ein van Gaal-Schüler Rasenschach im Champions-League-Finale gegen uns spielen wird und ein van-Gaal-Protagonist am eisernem Taktikwillen desselben zerschellt ist, ändert nichts an der bedauernswerten Resistenz des Mainstream gegenüber simplen Wahrheiten.

Auch junge, hochbegabte Millionäre sind, ja nun, jung. Und damit beeinflussbar trotz ihrer scheinbaren, trotzigen, geldgesättigten Unabhängigkeit. Hier trifft Willen idealerweise auf Gestaltungswillen. Und Hunger auf Anspruch. Das ist allerdings in 80% der Liga nicht der Fall.

Statt dessen werden Konzepte, Fitness- und Investitionspläne (je nach Machtbefugniss des herrschenden Managers) gegeneinander gestellt , Schwachköpfe wie Labadia oder Hecking versuchsweise ins Rennen geschickt und in lächerlichen Vergleichen solange statistisch banalisiert, bis nächstes Jahr wieder (sic!) gierige Pfeifen auf böse Schleifer treffen, Großkotze auf stolze Ahnungslose und Kaderschmieden auf Hurrah-Truppen.

Da bin ich doch als frischgebackener Meister (nungut, 0:8 in Berlin und ein 11:0-Sieg von Schalke sind ja denkbar) ganz froh, auch noch Fan des FC St. Pauli zu sein. Dort herrscht nämlich die Meinung vor, dass es schön ist, da hin zu gehen und gemeinsam Fussball zu gucken, zu erleben und Emotionen zu teilen.

Wie sagte Corny mir neulich beim Gin-Tonic im Tivoli auf die Frage, ob denn Pauli sicher aufsteigt?

„Wird sich wohl kaum vermeiden lassen.“

Trotzdem eine perfekte Saison.

Thank you for following.

Ach so, ja, ein Rezept dazu muss es ja auch noch geben:

Man nehme Münchner Weisswürste (egal wie schlecht) und
serviere sie mit Körrisaft.

Heimrecht.

Zuhause in Madrid? Da fallen mir viele Städte ein, in denen ich eher begraben sein möchte.

Es ist zwar schmeichelhaft, das Santiago Bernabeu quasi als private Bonbonniere zu betrachten, doch das Vorrecht auf die „Fondo Sur“ und die Zidane-müffelnde Kabine der Galaktischen ist erstmal kein Vorteil. Sofern man bedenkt, dass es sich eher um einen Friedhof der Stars handelt bzw. um den gigantischen Sarkophag des Beweises, dass man Erfolg nicht kaufen kann. Besonders dann nicht, wenn man selbst mittelmäßig ist – oder schlimmer: Bauunternehmer.

Ebenfalls ein Heimrecht ist es, Nachrichten an sich heran zu lassen oder eben nicht. Heute schon.

Die Griechen brauchen 135 Milliarden. Zur Erinnerung: das sind 135.000 Millionen €uro. Wollen aber weder Gehaltskürzungen, noch Pensionsreform. Für die, die es noch nicht wissen: ein Griechischer Staatsbeamter bekommt seine Rente nach dem Letzten Monatsgehalt berechnet. 90% der Betroffenen verdienen im letzten Monat vor dem Ausscheiden plötzlich doppelt soviel. Das ist mein Ernst.

Der Regierung ist indes das Gefühl für Heimrecht, befeuert von einem Boulevard ohne Schatten, aufgestossen wie Retsina. Einerseits lecker, andererseits muss man davon kotzen. Und je später, je mehr.

Mein Heinrecht ist es, mich mit meiner bezaubernden Frau auf der Loggia so lange zu unterhalten, bis uns die Augen zufallen. Weil wir uns etwas zu sagen haben. Und zwar nicht über Facebook.

Rezept zum Abend:

2 kleine Frühstücksgurken waschen und mit Schale reiben. Leicht salzen, mischen und stehen lassen.

1 Pott griechischer Yoghurt (250g / 10% fett) dazumischen. Wenn nicht so fett, Olivenöl unterschlagen.

Wenig Salz (s.o.) und schön Pfeffer sowie geriebenen Knoblauch nach Belieben zufügen.

Jetzt kommt’s: ein paar Fenchelsamen mörsern, Dill oder Petersilie zugeben, nach Wunsch ein wenig Zitronenschale reinreiben, mischen und 1 Std. kalt stellen. Umrühren und mit Knusperbrot servieren.

Dazu einen „Jean Claude Trichet 2010“ aus FFM.

Wohl bekomm’s.

Andouillete.

Lyoner Spezialität. Eine Innereienwurst, die, meist gefesselt damit sie nicht ausläuft, heiß angebraten und dann auf kleiner Flamme fertiggeröstet wird. Nur mit starkem Senf geniessbar.

Heute tat es auch der Weisswurstsenf. Und „andouille“ heisst auf französisch Dummkopf.

Schon als ich klein war, sagte man zum FCB in Frankreich immer „Le Bayern“. Das ist sehr respektvoll und klingt ungefähr so, als bezeichnete man Dortmund mit „Das BVB“. Oder S04 mit „Der Schalke“. Heute habe ich wieder ein Gefühl gehabt wie damals, als auf dem Schulhof der DSP Bemerkungen fielen wie „ah mais attention, très fort, Le Bayern!“. Nach der Niederlage von Saint Etienne haben sie mich doch verhau’n aber was soll’s.

Ein schöner Abend mit einer wirklich beeindruckenden Mannschaftsleistung über die gesamte Zeit – auch wenn einer dann 3 Tore macht. Und genau jetzt, wo keiner mehr davon reden will, würde ich am liebsten die zahlreichen Bayern-Dusel dieser CL aufzählen. Denn das sind einige. Aber ich machs nicht, denn das wäre ein bisschen so wie die das hier machen bei „Die HSV“.

Finale(mente)!

Länger nicht mehr.

Warum ich länger nicht geschrieben habe, frage ich mich.

Ganz einfach: Mitteilungsbedürfnisse anderweitig gestillt, insgesamt zufrieden, recht emsig und mit allerlei wachsenden Strukturen und Organismen beschäftigt.

Vielleicht wird das hier ja doch noch so etwas wie der Gegenentwurf zu Facebook und Mails. Erst wenn man etwas zu sagen hat, dass inhaltlich die eigene Latte überspringt, wird es publiziert. Auch solche Kleinigkeiten wie diese hier. Und wieviele es dann lesen ist mir ebenfalls Latte.

Stanification.

Es gab einen magischen Moment heute, beim Fast-schon-Aufstiegs-Spiel des FC St. Pauli. Nein, es geht nicht wieder um Fussball. Es geht um Motivation. Derselbe, der kürzlich noch drohte, er wuerde den „Reset-Knopf“ drücken, und „jeder sei 2x täglich herzlich willkommen zum Training – auch bei Schnee und Regen“ – und das an der Kollaustraße – weil „die Spieler die Angst haben, etwas zu verlieren, was wir noch gar nicht haben und nicht geil darauf sind, etwas zu bekommen, was man noch nicht hat“, zeigte an der Seitenlinie etwas frappierend einfaches: er zeichnete für seine Spieler nach dem Führungstor mit seinen Händen im Gesicht ein Smiley. „Freut Euch, habt Spass, seid zuversichtlich!“ schien die Geste zu sagen und siehe da: die Freude und Leichtigkeit kam zurück … der Rest ist ein ziemlich mühelos herausgespieltes 3:0 und möglicherweise der Aufstieg in die 1. Bundesliga. Immerhin gegen den 3. Augsburg, nur einen Punkt zurückliegend. Aber das ist jetzt wieder Fußball.

Unglaubelich.

Laenger fort aber schlauer geworden. Bejammerte ich im letzten Post noch die fehlende Deutungshoheit des rechten Westens, bin ich von den Obammen eines besseren belehrt worden. Besseren groß? Wie auch immer: der Schulterschluss zwischen den USA und Russland im Rahmen des neuen START_Vertrages (Unterstrich weil noch nicht ratifiziert) ist die bestdenkbare, weil friedlich gesinnte Kampfansage an die Ahmadinedjads dieser Welt. Jetzt wundert sich vielleicht der eine oder andere über derlei pro-westliches Bekenntnis aber ich bleibe dabei: wer frieden schaffen ohne Waffen will (und mehr Geld für soziales) kann einen solchen Schritt nur begrüßen. Abgesehen davon, das sie es wahrscheinlich schlicht aus Geldnot getan haben. Und weil auch die Reduzierung von 1000 mal die Welt zerstören zu 100 mal die Welt zerstören ein Gutes hat (Gutes groß), hier ein Rezept dazu:
Ciabatta anrösten
Eier verquirlen
Darin wenden
Rosmarinnadeln aufstreuen
Pfeffer + wenig Salz
Coppa die Parma drauf
Parmesan drüber
In den Ofen bei 200 Grad, ca. 10 Minuten.
Eine Atombombe im Mund, nicht in der Hand.
Eierkarton zur Aussaat von Kapuzinerkresse verwenden.