Zweitfernsehen.

Zweitfernsehen bedeutet, dass man zweitfernsieht.
Also nah sieht (Alltag) und zweitens fern sieht, während man fernsieht.
„The Departed“ und „Get Shorty“ an einem Abend: da kann man sich nicht beschweren. Zumal unterbrochen von einer hochkritischen Nachtausgabe mit Schelte für die Blinden. Auf dem Auge, dass ihre Welt aufrecht(s) erhält. Aber aufgepasst. „sie“ verabschieden gerade parallel einen Haushalt, der um fast 20% höher ist, als das zu erwartende Einkommen (306 zu 280 Mrd.). Und uns bieten sie 2% an. Und den langjährig Lebensversicherten bald nur noch 4%.

Die Ausbeutung wird ungeheuerlich.
Die Wetter explodieren.
Die Revolutionen implodieren.
Die Akteure sterben.
Die Hunger werden mehr.
Die Wüsten auch.
Die Kinder sind dumm.
Und wir sind untätig.

Stornofinger
Ausgleichslappen
Wischkern
Wegewalt
Wolkenfurz

Jubilaeum.

Wahrscheinlich braucht es abseitige Anlässe, um einen wieder an’s Schreiben zu bringen.
Meiner ist das Jahr 1986. Ich hatte gerade erfolgreich mein zweites Jugendforum gemacht; nie vorgesehen im Plan der Pleitiers, aber dennoch zwingend in Form und Inhalt. Weitere sollten folgen. Belohnt habe ich mich mit einer Sizilienreise (solo) und – direkt nach der Rückkunft – dem Erwerb eines sexuell höchst aktiven Paares. Die beiden hießen und heissen SONY SRS-150, sind im Geschäftsleben Aktivboxen und seitdem meine treuen Begleiter. Erstanden in einem berühmten Elektrofachhandelsgeschäft auf der Sonnenstraße zu München, sind sie bis heute meine eine und einzige Hifi-Anlage geblieben. Es ist wirklich kaum zu glauben: die beiden, bis heute befeuert von einem alten „Aiwa Portable CD-Player“ (damals der neueste Schrei und Schuld an der Auflösung meiner Plattensammlung) haben mich ein vierteljahrhundertlang durch 10 Umzüge mit Musik versorgt und waren meist das Letzte, was eingepackt und das Erste, was ausgepackt wurde.
Von der Westermühl an den Elisabethplatz, von der Himmel- in die Rehmstraße, von Wiesbaden nach London über den Leinpfad, die Waterloo und die Buchenallée bis in die Telemann.
Sie haben nie gemuckt.
Nur immer Mucke gemacht.
Wann ich es wollte und zu zahllosen Anlässen.
Klein, fein, daheim.
Viel, laut und für viele.
Demonstrativ, konstruktiv, inspirativ.
Zum Frühstück, zur Party, zum sumpfen, zum Dinner unter Freunden.
Ich danke der Firma Sony für dieses fehlerlose und unglaublich langlebige Produkt, dass mir die Hoffnung schenkt, dass es noch Ingenieure gibt, ach nee, gab, die …. OK, vergesst es.
Love,

PS: gerade laeuft „Khmer“ von Niels Petter Molvaer – der Sound ist … gut.

Les adultes.

„… et les adultes sont tellement cons,
qu’ils vonts bien nous faire
une nouvelle guerre.“ (Brel)
Jetzt ist der Iran dran.
Und jedes vorschnelle Urteil zur Reform und Unabhängigkeit der Amerikanischen Justiz obsolet. Wahrscheinlich werden sie auch noch Atom- oder Chemiewaffen finden, die gegen, äh, was gerichtet sind, was gegen die Interessen etc…

Im Wald.

Stille, Wald, Gehen, Haareschneiden, Weissweintrinken, Sonennuntergang, Dach im Wind, Indische Suppe.
An einem Tag wie heute frage ich mich ernsthaft, ob die Welt wirklich nur das ist, was wir erleben, oder ob es einen Strom gibt, an dem wir verschiedentlich partizipieren. Wenn nämlich nur das existieren würde, was wir mit unseren Sinnen erleben, wäre es ja ein Einfaches, glücklich zu sein. Und wenn es so einfach wäre, frage ich mich, warum so viele und vieles sich dieser Wahrheit verschliessen. Durch Negation, Opposition, Stagnation, Destruktion. Also ist es wahrscheinlich ein frommer Wunsch, oder eine Art agnostischer Selbstversicherung.
Scheiss der Hund drauf, ein wundervoller Zaubertag, allein mit Augen, Ohren und Nase & Co.
R.

Soll.

Mein Bruder hat gesagt ich soll mich endlich ans Schreiben machen.
Will aber eigentlich nich.
Weil die Diskrepanz zwischen der Arbeits- und Sozialrealität der Meisten, meinem schönem Alltag, besonderen Situationen und singulären Erlebnissen schlicht eine Überforderung darstellt, die ich schlecht in Worte fassen kann, ohne ausfällig zu werden. Das Allermeiste, was verzapft wird geht immernoch um tudiestudas oder kaufdieskaufdas.
In diesem Sinne rezidiv,
R.

Ach Sommer! Ach Loch!

Das sogenannte Sommmerloch ist der beste Beweis für die Existenz einer kollektiven Konstruktion von Realität: Wir haben nun mal aus unserer Sommer-Perspektive des Planeten entschieden, dass derzeit nix Relevantes passiert. Unsere Medien bestärken uns in dieser kulutrell gewachsenen Illusion, schließlich will der Redaktör auch mal wie jeder andere Bürger zum Baggersee nach Hawai (Kann man später übrigens auch noch ganz klasse drüber schreiben, so nach dem Modell: „Ein perfektes Wochenende am Baggersee in Hawai“).

Ganz toll ist übrigens auch, dass man die Sommerloch-Philosophie medienmäßig ganz unabhängig von der Jahreszeit auf andere Zeiten und Themen übertragen kann. So ist Fukushima beispielsweise offenkundig in ein all-time-Sommerloch gefallen, und man muss selbst im Netz lange suchen, um Interessantes und Aktuelles zur desaströsen Lage zu finden. Als Beispiel: http://www.textinitiative-fukushima.de. Bei google endlos hinten, nach all den wenig aussagekräftigen Seiten von etablierten Medien…

Apropos google: Da sorgt sich doch die SZ darüber, dass google die Menschen so „profiled“, dass zwei unterschiedliche Exemplare der Gattung trotz gleichlautender Suchanfrage ein jeweils ganz anderes Angebot erhalten, was die Reihenfolge der vorgeschlagenen Sites betrifft. Glaub ich wohl, nur die fundamentale Selektion ist bei beiden (und allen) immer die gleiche: Zuerst kommen die Seiten derjenigen, die für google als Werbekunden und Zahler relevant sind und viel später alles andere. Mit anderen Worten: google „individualisiert“ mich im Hinblick auf meine Funktion als Konsument. Aus. Und das ist nicht nur legitim, sondern auch system-logisch: Warum glaubt irgend jemand, dass ein Profit-Unternehmen dazu da sein oder ein Interesse daran haben sollte, mich als Bürger, eigensinniges Individuum oder in sonst einer aus ökonomischer Sicht eher problematischen oder unattraktiven Rolle zu unterstützen? Sowas können doch eigentlich nur Leute glauben, die einen 70 Kilo schweren Berner Sennerhund halten und den vegan füttern! Oder Journalisten, die sich in Hawai am Baggersee gratis durchfressen, weil sie das Hotel hinterher in ihrem siebzehnten „Ein perfektes Wochenende in…“-Band erwähnen? Oder sind das eh immer die selben? Und gehen die dann eh bald alle mit der gläsernen Münchener Isar-Philharmonie unter, wenn, während der geklonte Karajan Beethovens fünfte (Schicksalssynphonie!) dirigiert, die Prater-Schleuse geöffnet wird und ein unglaubliches Sommergewitter die ganze Stadt reinigend flutet, mitsamt ihren Chardonnayflaschen und Schubecks-Gewürzmischungs-verseuchten Canapees und ersaufen? Und kann man dann die Liste der Abgänge am nächsten Tag gleich googeln oder muss man dann erst lang suchen, weil’s nix zoilt ham dafür?

Sommerloch.

Wenn ein Tag zuende geht, der unverhofft den Sommer zurück und einen in Wallung gebracht hat, dann schätzt man sich glücklich und schreibt so einen freudigen kleinen Blog.
Was trüb und grau begann, wickelte sich langsam wärmend die Waden hoch, das Spiel war ganz Spiel, die Bälle flogen so hoch und weit, und ebenso das Bewußtsein darum, dass es einem gut geht, ohne falsche Scham, und man bereit ist, dieses Gefühl nun öfters zuzulassen – auch wenn es vielen schlechter oder gar schlecht geht. Der Altar des Mitgefühls wird in naher Zukunft keine Selbstverstümmelungen als Opfergaben mehr dargebracht bekommen. Empathisch reversiv ausgedrückt: Das Glück der einen darf auch das Glück der anderen sein.
Euch allen gute eigene Gefühle.

Nachtkritik Scott & Willemijn.

Aus schierer Angst nach 4 Tagen vulkanischer Aktivität die Eruption gedämpft und ausgeschlafen – also falsch – zu beeurteilen, hier eine schnelle Nachtkritik ohne Anspruch auf Vollständigkeit und lediglich aus dem Blickwinkel des frisch aschebewolkten Beobachters.

Als edler Fuhrpark gestandenen Musikkunsthandwerkes im dezent-luxuriösen Ambiente der vorzüglich beschallten Hamburger Kammerspiele aufgefahren, war diese balladeske Soirée eine Klasse für sich und ein showcase dessen, was an gediegenem Sangestalent derzeit in Deutschland auf die Bühne zu bringen ist. In dieser Form unwiederbringlich zusammengestellt und mit schmelzenden Streichern und präzis-leise aufspielender Band adäquat in Szene gesetzt vor ebenso sachkundigem wie begeisterungsfähigem Publikum durch die unbeugsamen RE:PRESENTer.

Scott Alans Kompositionen jedoch tendieren bei aller eingängigen Virtuosität ins weinerliche und haben eine fatale Tendenz zur Selbstähnlichkeit, was auf Dauer und mit allzu wenigen „up-tempo“-Nummern ermüdend wirkt und auch durch seine kontrastierend fröhliche Showman-Attitüde kaum zu kompensieren ist. Ein sehr, sehr begabter Musiker, der seine durchaus vielschichtigen Kompositionen als Therapie und ewiges „coming out“ zelebriert. Grossartige Plattformen für herausragende Sänger sind seine introvertierten, dennoch expressiven Songs allemal – und damit Steilvorlagen für die versammelte Créme von „Orange Blue“, „Stanfour“ und „Hinterm Horizont“.

Willemijn „La Verkaik“ jedoch ist eine Klasse für sich und wird an diesem Abend – ganz Gastgeberin – ihre herausragende Stellung als Europas beste Musical-Interpretin gefestigt haben. Ihre „Range“ ist kaum zu glauben, ihre stimmliche Virtuosität differenziert – ebenso wie ihre maliziöse Fähigkeit, dem ewig gleichen immer neue Facetten abzugewinnen. Sie war und ist der Star des Abends. Gleich die erste Nummer stellt das klar, in der sie die drei geladenen männlichen special guests erfrischend selbstironisch und stimmlich donnernd von der Bühne fegt.

Diese machen gute Miene (und Stimme) zum bösen Spiel. Volkan Baydar, glühend und ganz bei sich als implodierendes Soul-Genie, Serkan Kaya als understated-witziger „Act“ der dieses Namens würdig ist und schliesslich Konstantin Rethwisch mit seiner poppigen Bühnenpräsenz als schnurrende Komfortlimousine.

So rollt der Abend auf gepflegter Fahrbahn dahin, die sanfte Hügellandschaft der seelischen Befindlichkeiten Scott Alans durchmessend, angenehm servo, zeitweilig aufregend aus der Tempo50-Zone in eine Kurve gleitend aber stets musikalisch TÜV-geprüft. Um Missverständnissen vorzubeugen: das war grosses Kino und breite Leinwand kammermusikalisch exquisit dargebracht, mit weiten Wegen, aber doch kein Road Movie, der die eigenen Verzweiflungen zum Vorschein bringt. Mittelbar eine Wohlfühl-Ausfahrt mit den besten Gefährten, die der Cabrio-Musikmarkt zu bieten hat.

Was allerdings das Geheimnis der Veranstalter bleiben wird, ist die Masssnahme, dass man nach ausdauernden Ausritten mit dem SL Flügeltürer samt seiner Hummer-Eskorte ohne Not und selbst in der Schlussnummer darauf verzichtet, die Garagentür zu den bereitstehenden Ferraris, Porsches und Bentleys für ein dieses Namens würdiges Finale zu öffnen, das lange Zeit Branchengespräch geblieben wäre.

Sarkozien-Strauss für Dominique. Kahn es sein oder Soficktell me more.

Stellt Euch einfach mal einen dieser finsteren 70er-Filme von Lumet, Costa-Gavras, Chabrol, Sautet oder Verneuil vor: Lino Ventura schleicht vor den offiziellen Ermittlern ins Hotelzimmer, findet Dominique sein Handy und lässt es lässig in seiner verbeulten Jacketttasche verschwinden. Alles in einem deprimierenden gelb-braun, das teils den Tapeten, teils der unheilvollen Stimmung geschuldet ist. Denn er weiß: der Kahn ist aus Panik vor der Falle, deren Ausmaß ihm schlagartig klar wurde, Hals über Kopf geflüchtet. Schliesslich hat er als Ermittler – nennen wir ihn Langlois – lange genug selbst für Sarko gearbeitet; hat den Liebhaber seiner Frau ausfindig gemacht und ihm persönlich berichtet. Da war er noch beim Verfassungsschutz. Das hier, das ist jetzt zu viel für ihn. Das wird er nicht zulassen. Weder die Häme seines früheren „Patron“, noch die Attacken von France Soir und schon gar nicht die glitschigen Aufrufe zur Mäßigung aus dem Elysée, von Hollande und der bedauernswerten Aubry. Von der dummen Pute LePen ganz zu schweigen. Aber die bringt sich ja sowieso mit jeder ihrer verfrühten Triumphe in Schwierigkeiten. Keinen Instinkt. Ganz anders Sarko. Den kennt er, und dem wird er es nicht gönnen. Der gönnt ja auch keinem was. Aber dass sie es ausgerechnet in NYC und noch dazu an diesem Tag wagen würden hatte er nicht vorausgesehen. Schlechter Film, schwerer Fehler. Hätte er doch kommen sehen müssen. Erst die guten Umfragewerte in Frankreich als aussichtsreicher Kandidat der Salon-Sozialisten (mithin des französischen Ideals eines Staatschefs), dann die Ankündigung, sich einen Vertreter der Schwellenländer als Nachfolger zu wünschen, dann am nächsten Tag die EU-Sitzung über die griechischen Schulden, von denen er ein Drittel selbst, fast schon persönlich trägt. So wie das Erbe von Wolfowitz als Weltbank-Chef und Irakkriegstreiber, den er entmachtet und damit die USA düpiert hat. Und nicht zuletzt die Air France-Maschine, die zwar die in ihr geborene zu Franzosen macht, aber eben erst, wenn sie in der Luft ist. Dass alle untersuchenden Beamten vermutlich Frauen sein werden, ebenso die Richterin, ist da nur eine Unwägbarkeit am Rande.
Also lässt er das Telefon in seine Tasche gleiten und geht den heranstürmenden FBI-Schergen mit strengem Gesicht entgegen, nickt ihnen kurz und schlecht gelaunt zu und wir sind alle erleichtert.
So wars aber nicht.
Es war ganz anders.
Und jetzt sind nur noch zwei im Rennen.
Die werden sie auch noch kriegen.
Dann sind wir am Ende.
Und jetzt kommst Du.
R.

PS: Services secrets francais:

Pauli Lions 2.0

… and now to something completely different (So. 20:15 auf Arte!).
Die Mannen von St. Pauli haben heute den statistisch schwer zu konkretisierenden Beweiß dafür geliefert, dass man untergehen kann dadurch, dass man oft gegen Mannschaften verliert, die keinen Deut besser sind, als man selbst. Womit die 5 (!) Löwen auch nur „pretenders“ wären, die nach Kräften über ihre Verhältnisse leben. Denn Katastrophentouristen gibt es zuhauf und Royalisten sind auf dem Vormarsch. Der Trost bleibt, dass die Königlichen ohne Sinn, Verstand und Perspektive sind (ausser sich selbst zu inszenieren) und es der Liga eben so geht. Wer keine Deutungshoheit hat, geht unter. Sind ja Vereine nach Deutschem Recht. Ergo einerseits millionenschwere „Player“ mit ebensolchen Schulden, andererseits Fanale eines Geistes, der Niederlagen zugesteht und Nachwuchs fördert, gierig guckt und Dilletanten gewähren lässt.
Die vier Löwen sind auch deshalb komisch weil sie (wie Pauli) im hilflosen Versuch ihr Heil suchen. Nur das wir uns in der Zweiten wohlfühlen und die selbst in der Vierten nicht.